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Zur falschen Zeit am falschen Ort? Überlegungen zur künstlerischen Arbeit von Vadim Schäffler I. Da hängt in dem Video „Spiderwoman“, 2007, eine junge Artistin fest verschnürt unter der Decke und wartet, von irritierenden Laserlinien angestrahlt, auf ihren Auftritt. Das Geschehen, das Vadim Schäffler hier gefilmt hat, mutet geheimnisvoll an, lässt nämlich Assoziationen an Zirkus wie an Sadomasobar zu. Dann saust die Frau, einige Salto schlagend, überraschend an ihrem Seil hinunter, ab zu ihrer Performance. Prompt endet das Video, ist doch der Künstler gerade nicht an den funktionsorientierten Konstruktionen von Zeit und Raum interessiert, sondern vielmehr an den Situationen, die solche konventionellen Konstruktionen auszuhebeln scheinen. Und darum war Schäffler als Kameramann gleichsam zur falschen Zeit am falschen Ort und filmte eben nicht den eigentlich zu bewundernden Auftritt der Artistin. Das „Am-falschen-Ort-Sein“, also eine prekäre Form der Verortung, ist, wie wir in der Folge sehen werden, ein zentrales Problemfeld in der Arbeit des Künstlers, das in „Spiderwoman“ auch durch die verschnürte Positionierung der Artistin in das ästhetische Spiel gebracht wird. Und ein zweites zentrales Moment in der Kunst von Schäffler findet sich ebenfalls in „Spiderwoman“, nämlich das der Implikationen durch Geschwindigkeiten, hier im rasanten Heruntersausen der jungen Frau akzentuiert. II. In dem Video „Giraffe“, 2007, kommt das Aufbrechen der Zeit-Raum-Ordnung vergleichsweise spielerisch, aber nicht minder konsequent daher: Man sieht einen Giraffenkopf samt seinem langem Hals vor einer blauen Himmelsfläche – kopfüber und wie ein Pendel von links nach rechts ausschlagend. Die Pendelbewegungen werden langsam schneller, so rasend, dass die Giraffe im kreisrunden Loop das Bildgeviert zeitweise verlässt. Die quasi „tierische Uhr“ ist also aus dem Takt gekommen, dreht durch im Zeitraffer der Schnelligkeit und zeugt so von dem, was Paul Virilio als das „reine Geschwindigkeitsphänomen“ bezeichnete, zu der unsere Welt in der Moderne geworden sei. Die Kopf-über-Verortung des Tieres und seine Bewegung im „rasenden Stilstand“ (Paul Virilio) - die Giraffe kommt, wie jedes Loop, stets zurück an die selben Raumstellen - deuten so in poetisch-witziger Leichtigkeit hin auf eben das spannungsvolle Verhältnis von Zeit und Raum, das schon in“Spiderwoman“ zu sehen war. III. Kurzer Exkurs Die Kategorien Zeit und Raum hat bekanntlich der Königsberger Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant als die conditio sine qua non für eine vernünftige Konstituierung von Subjekten bezeichnet. Unter anderem deshalb, weil die Stelle, an der wir uns befinden, und der Moment, an dem wir uns dort befinden, exklusiv für das nur eine Subjekt reserviert sind - und umgekehrt: Es ist nun mal unmöglich sich an mehreren Orten gleichzeitig zu befinden. Und wer sich an mehreren Orten befinden könnte, der wäre, noch einmal sei Paul Virilio zitiert, „niemand …., um aber niemand zu sein, muss man zugleich überall und nirgends sein“. Umgekehrt geben also die beiden Kategorien von Zeit und Raum halt und begründen bis heute Biographien. IV. Wenn eine vernünftige Subjektbildung nicht mehr klappt, weil eine Orientierung in Zeit und Raum nicht mehr funktioniert, dann wird der Mensch wohl oder übel zur Charaktermaske.Dem Künstler selbst geschieht dies in seinem Video „Maske“, 2005, in der mit einer Maske in einem computergenerierten Nicht-Ort wartend steht, in einem Nicht-Ort der keinerlei Züge von Räumlichkeit mehr aufweist. Die Maske ist dem Computerprogramm „Poser“ entnommen. Plötzlich ist der maskierte Mann des Wartens (auf Godot?) müde und geht nach vorne und wird prompt von einem herbei rasenden – Geschwindigkeit! - LKW überfahren. So gewinnt die Kollision von „virtueller“ und „wirklicher“ Welt hier katastrophale Qualitäten. Dank der möglichen Simulationen der Computertechnik steht der Mann aber wieder auf und ist mit einer zweiten Maske erneut im Nicht-Ort des Videos zu sehen. V. Kommen wir abschließend zur Werkgruppe „LOOK“, 2008; denn hier spitzt sich der Aspekt des Katastrophalen zu und gewinnt beinahe schon apokalyptische Züge. Wieder nutzt Vadim Schäffler das Computerprogramm „Poser“, diesmal um die Figuren „Frau“, „Mann“, „Kind“ und „Hund“ aus diesem Programm in anderes, komplexeres Programm zu transportieren, in ein Computerprogramm, dass es dem Künstler erlaubt, abstrakte Landschaften zu komponieren. Dazu hat er zunächst textile Strukturen eingescannt, um deren Visualität dann als Basis für graue, so anonyme wie lebensleere Landschaften zu nutzen. In diesen apokalyptisch anmutenden, farblosen, kühlen und unheimlichen Settings, wie man sie z. B. aus Cormac McCarthys apokalyptischer Erzählung „Die Straße“ (2006) kennt, hat Schäffler dann seine idealisierten Figuren in unterschiedlichen Gruppen gestellt, mal wartend Aussicht haltend, mal marschierend und kämpfend, mal diskutierend. Die verstörende Dekonstruktion von Zeit und Raum bekommt hier eine beklemmende prophetische Dimension. Eine Subjektivierung im Sinne Immanuel Kants findet bei den Figurengruppen inmitten ihrer Unorte nicht mehr statt, die Idealisierung der Figuren durch das Computerprogramm „Poser“ kippt stattdessen in eine uniforme Objekthaftigkeit, wenn man so will: Der von Paul Virilio problematisierte „Niemand“ ist in „LOOK“ virtuelle Wirklichkeit geworden.
Raimar Stange
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