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MENTAL CUBE von Carina Herring

Im Cyberspace gibt es keine Sinnlichkeit: Menschen, Tiere, Dinge und Räume sind ihrer Identität beraubt, da sie nicht körperlich erfahren und berührt werden können. Sie sind nur mehr ein vereinbartes Zeichen unter vielen, ein Platzhalter, dessen Formen an frühere Erscheinungs- und Bedeutungsebenen erinnern.
Was geschieht, wenn die Haut, als größtes menschliches Sinnesorgan in den virtuellen Raum überführt wird, wenn der Inbegriff unseres Tast-, Spür- und Fühlvermögens, kurz unsere komplexe Identität virtuell nachgebildet, in eine andere Räumlichkeit ausgedehnt wird? Mit diesen paradoxen Umkehrungen und Übergängen medialisierter Erfahrungen von natürlichem und künstlichem Material, von organischen und virtuellen Oberflächen spielt Vadim Schäffler in seiner Videoprojektion cube.

Gezeigt wird ein architektonischer Innenraum – ein klassischer white cube – dessen wohlproportionierte Geometrie vom Künstler an den Raumkanten abgegangen wird. Der schreitende Körper bezeichnet die Grenze, sein Schatten markiert die Wände, und der orangefarbene Anzug strahlt ein zitronengelbes Licht auf das vorherrschende Weiß. Irgendwie scheinen Körper und umgebender Raum zusammengehörig. Allein die Haut bildet jene Grenze, die es den Körperatomen verwehrt, mit dem Umraum zu verschmelzen.
In dieses Szenario treten nach geraumer Zeit drei künstliche Wesen: ein Vogel, ein Würfelkopf und ein Fisch auf Beinen, die die geometrische Bewegung des Künstlers durch ihr nicht-lineares Umherschweifen im Raum durchkreuzen. In verschiedenen Verfahren hat Vadim Schäffler Aufnahmen seiner eigenen Haut um die mathematischen Körper der Figuren gelegt, überzieht die strukturgebenden Gitternetze mit seiner eigenen dermatologischen Textur. Jenseits von Individualität, aufgebrochen in Fragmente, spricht die Haut vom Schein des Körpers, denn das Organische der menschlichen Haut wird durch ihre Mediatisierung absolut künstlich und zur reinen Oberfläche: keine hauttypischen Poren, keine Körperbehaarung und keine Hautunebenheiten sind zu sehen.
Die Haut als Außenorgan ist jedoch auch gleichzeitig Mittel des Kontaktes und der Kommunikation mit der Umwelt, ist auch Medium zwischen dem Körper (Raumbehälter) und dem Leib des Künstlers. Die Haut lässt Illusionen entstehen, Projektionsfläche der Fantasie und Schnittstelle des Begehrens. Doch dieses Begehren wird konterkariert, auf sich selbst rückprojiziert, und macht so den Blick frei auf einen Raum der Anonymität und des Fremdseins. Untermalt ist der Film durch eine sprunghaft sich steigernden Musik, die Unheilvolles zu erahnen gibt, kurz vor ihrem Höhepunkt bricht und in ihrer Dynamik auf null fällt. Sie nimmt die letzte Einstellung voraus, in der sich die Szenerie als Sinnesreise auflöst, denn die Kamera schwenkt vom Inneren des Würfelkopfes durch den Schlund des Künstlers aus seinem mentalen Inneren heraus. In einem scheinbar gegenläufigen Prozess werden Körperoberfläche und -grenze durchlässig, und die Umstülpung verschiebt die Raumvorstellung nach innen. Die Haut wird so zur einer Umhüllung für die unterschiedlichen medialen Erfahrungen in der Konstruktion von außen und innen, von nah und von fern, vom Selbst und vom Anderen, in die das immer wieder auftauchende Auge des Künstlers eine unheimliche Komponente setzt.